Miniblog: Polnischer Star-Reporter Ryszard Kapuscinski hatte zwei Notizbücher, eins für Fakten, eins für Fiktion: zum Twitter

Auch Akademiker tun es

Einer US-amerikanischen Studie zufolge twittern in den USA „nur“ etwa 30 Prozent aller Lehrenden, schrieb Campus Technology im August 2009. Wie ist das in Deutschland? Wo ist die bloggende Uni, der twitternde Professor? Kurz: Wie nutzt die Wissenschaft das Netz?

Mich beschäftigt dieses Thema, weil ich mit Studierenden der Angewandten Literaturwissenschaft in diesem Semester ein Institutsblog entwickelt habe, Litaffin, das einerseits in Inhalte des Studiengangs Einblick gibt, aber auch über studentische Projekte und allgemeine Themen des Literaturbetriebs informiert. Ich fragte mich, ob auch andere akademische Institutionen in Deutschland twittern, bloggen, und ob sie ihre Lehrinhalte über soziale Plattformen verbreiten. Angeblich haben die Kulturjournalisten an der Uni München ein Blog, aber wo? Die Kulturjournalisten an der Uni München stellen auf Cult-Zeitung, der “Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie”, ihre Theaterkritiken online – aber ist das ein Blog? Das beste europäische Uni-Blog, auf das ich gestoßen bin, hat der niederländische Medienphilosoph Geert Lovink bereits 2006 mit Studierenden entwickelt: Masters of Media, ein Research Blog.

Wer suchet, der findet, auch in Deutschland. Die Anglistin und Historikerin Gaby Mahlberg (Universität Potsdam, HU Berlin) bloggt und twittertHelga Hansen, Studierende der Zellbiologie und Journalistin, betreibt den Unifunk an der Universität Osnabrück, der sich auch als Blog versendet. Cornelius Puschmann, Anglist an der Universität Düsseldorf, macht seine Gedanken zugänglich über eine Feed-Seite, mit Twitter, neuem und altem Blog. Schließlich versammelt Lars Fischer auf Scilogs verschiedenste Wissenschaftsblogs.

Über all diese Projekte und Erfahrungen möchten wir gerne auf der re:publica mit Interessierten und “Betroffenen” sprechen. Unser Workshop, so er denn ins Programm der Konferenz aufgenommen wird, stellt universitäre Web 2.0-Projekte in den USA, Großbritannien und in Deutschland vor und fragt nach dem Verhältnis informeller Netz-Genres wie Blogs zu klassischen Fachpublikationen. Wir suchen mit den Teilnehmern nach Strategien, wie Universitäten die sozialen Medien stärker nutzen könnten, um den Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Gesellschaft zu verbessern. Mit dem Workshop starten wir ein Auch-Akademiker-tun-es-Blog, damit nach der Konferenz weiter über das Thema diskutiert werden kann.

grüne punkte

ich war eine dose, sagte der politisch korrekte computer.
festplatten und semantik wurden recyclet. die elektrifizierung
war unsere millenniumsmutter, ach du liebes metall
mit softem kern. und als von tausend jahren
alle vergangen waren
, gruben archäologengruppen
nach relikten des religiösen jahrzehnts,
von dem sie erzählten:
diese kultur klappte stündlich auf und zusammen,
sie huldigte dem blankolicht.
saß gekrümmt vor einzelnen schreinen.
die wärmten den schoß. und dann
kamen das aufgebot und die inneren hymnen,
die flimmernden viren und pornofallen.
so dass nur noch an ein überleben zu denken war
als mönch. auf freiem
feld.

Mein erstes Gedicht mit Hyperlinks, also das erste Hyperlink-Gedicht. Eine neue Art des close readings. Denn das Lesen nimmt ja mit dem Internet nicht ab, eher zu, es verändert sich. Mehr dazu in den nächsten Tagen.

Wozu Menschen?

Tja, ich bin im Worlde-Fieber. Das zweite ist doch etwas aussagekräftiger, wir sehen hier die Auswertung der meist verwendeten Wörter im gemeinsamen Jean-Luc-Webdokument Etherpad, einem Web-Angebot für das gemeinsame Arbeiten an Dokumenten (besser als Google Wave – aber leider schon von Google gekauft). Klar, dass in der Mitte jetzt das INTERNET steht. Aber jetzt sind doch wirklich Diskurselemente sichtbar: bausteln (Geräte selbst basteln/bauen = Marke Eigenbau für die Computerfreunde), Oberholz (Laptop-Treff am Rosenthaler Platz), Singularität, Book und Gatekeeper.

Besonders gefallen mir die konkreten Aufforderungen, die der Zufall angeordnet hat: “Culture kennenlernen”,  ”Culture braucht Gesellschaft“, “hinausgehen, Avantgarde“! Worlde schafft es sogar, durch die neue Verkettung von Wörtern, Begriffe für neue Kulturtechniken zu finden: “Arbeitsgruppen-Internetdienstleister”, “Generationen-Aufgaben” oder “Facebook offline”. Kurz: “Wozu Menschen”? Diese Frage stellte, darauf wies mich @searchparty hin, @plomlompom. Dass das Wordle-Programm exakt diese beiden Begriffe zusammenbaut, lässt ja wirklich auf einige künstliche Intelligenz dort schließen.

Wordle: jeanluc-etherpad<

Jean Luc-Wordle

Ein Wordle sagt mehr als 1000 Worte.

Daher habe ich die meist getwitterten Wörter zum Hashtag #jl1 (Jean Luc Think Tank, 8.-10.1.2010 im Hebbel am Ufer, Berlin) als Wort-Konglomerat visualisiert, besser: visualisieren lassen. Denn die programmmierten Maschinen sind so nett, dass sie das machen, was wir von ihnen wollen. Interessant ist, dass neben den erwartbar häufig verwendeten Wörtern wie JL1 und day in der kleineren Sparte viele Twitternamen, aber kaum Rufnamen auftauchen: Überlagert die Twitteridentität die Real-Life-Identität oder ist sie bereits Teil unseres Ichs? Nehmen wir sie bald in unsere Pässe auf?

Der Wördl-Tipp kam übrigens von Wolfgang Wopperer, der zusammen mit Anna Lena Schiller eine geniale Grafik zur Schirrmacher-Debatte erdacht hat, die hoffentlich bald auch auf Anna Lenas Blog zu sehen ist.

Wordle: #jl1

Horse Montage

Die Technik des “Neu-Kopierens” kannte ich bisher noch nicht, ich bin begeistert: Alexander Gumz erklärt auf dem von Nokia gesponsorten Blog “Sounds like me” das Phänomen der Literal Videos: Die Clips werden wörtlich genommen, die Absurdität mancher Einstellungen und Regieeinfälle ist nicht mehr nur visuelle Staffage der Musik, sondern geriert zur Hauptaussage. So wird aus “Penny Lane” “Horse Montage”. Genial.

Die Heilige Pizza

St Pizza

Mit St. Pizza durch den Winter - in die Zukunft.

Jetzt sind die Feiertage vorbei, auch die heiligen drei Könige sind am 6. Januar angekommen und am 7. wieder fortgezogen, und ich lese überall, völlig eingedeckt mit winterlicher, postweihnachtlicher Wahrnehmung, nur noch Santa, Santa. Der die das Heilige trage ich derzeit mit mir als einen wahrhaftigen “Virus des Geistes“. So bezeichnet der US-amerikanische Programmierer (und ehemaliger Assistent von Bill Gates) Richard Brodie Mini-Gedankeneinheiten. Diese Meme verselbstständigen sich und lassen uns nicht mehr los. Mit Brodie gesprochen, sind die Kulturen am erfolgreichsten, welche die am einfachsten zu kopierenden Meme produzieren. Kopieren ist also eine Kulturtechnik. Man muss nicht das Rad, das Internet, das Feuer neu erfinden, nein, man kann es einfach mit sich tragen, immer wieder vervielfältigen, und schon, schwupps, ist Kultur, sind Kulturen erfolgreich. Überforderung à la Schirrmacher adé, Wiederkauen ist angesagt. Nichts anderes machen doch die sozialen Netzwerke: Sie helfen uns, unsere Ideen anderen mitzuteilen, uns zu wiederholen, unsere Meinung, unsere Entdeckungen zu vervielfältigen. Wie schon der Volksmund sagt “Wiederholung ist die Mutter des Studierens” (Repetitio mater studiorum). Ganz klar, Pizza ist auch ein Mem. Ich bin mir sicher, von Santa Pizza werden wir in Zukunft noch hören… Guten Appetit. – So richtig zukünftig zünftig wird es übrigens ab heute beim Jean Luc Think Tank im Hebbel am Ufer, guests welcome! Bericht folgt.

Wer war das?

wer war das

Nächtliche Geheimbotschaft zum Jahreswechsel. Schneeschreiben wird unterschätzt!

Das erste praktische Jahr

Filmheft La dolce vita_klein

War das ein süßes Jahr? Wenn nicht, wird das nächste wunderbar. (Fotomotiv: Filmheft-Coveraus der Sammlung Friedrich, Bremen).

Vor einigen Jahren fing ich an, Jahreswechsel mit einer Art Motto für die kommenden 365 Tage zu schmücken. Es gab das Jahr des Kitsches (nach dem Millennium große Gefühle zelebrieren) und zuletzt das Jahr der Harmonie – das dann natürlich nicht wirklich harmonisch war, bis auf die Tatsache, dass ich mir schlichtes weißes Geschirr gekauft habe, was zumindest für Farbharmonie sorgt. Dieses Jahr sollte Mein praktisches Jahr werden und ich wollte endlich drei Dinge lernen: Drucken, Gärtnern, Nähen. Zu oft überkam mich nämlich das Gefühl, nichts anderes zu können außer reden, lesen, schreiben – Reihenfolge unerheblich. Daher ist nun die Zeit gekommen, ein Fazit zu ziehen, einen Schluss-Stich, auf dass 2009 in sich zusammensackt. Was war so praktisch an diesem Jahr? Was bleibt? Hat es seinem Namen alle Ehre machen könnten? Meine persönlichen Praxis-Top-10 könnten darauf eine Antwort sein. Hier sind die Dinge, die ich jetzt kann, die ich vorher nicht konnte.

1. Drucken! Danke an Hugo Hoffmann und an alle Workshop-Beteiligten Alejandra del Rio, Bärbel Krenz, Edmundo Bejarano, Rery Maldonado, Ron Winkler, Tom Bresemann. (Auch mein zweiter Lyrikband wurde gedruckt, aber on demand).
2. Powerpoint-Präsentation. Mein Germanistik-Studium verlangte mir nur Handzettel ab, jetzt bin ich im Heute angekommen.
3. Mit dem Rauchen aufhören. (Hier muss ich den Rauchern danken, denn ohne euch Raucher, die ihr mir in der Endphase keine Zigaretten gegeben habt, wäre es nicht möglich gewesen!)
4. Plugins installieren – ok, das ist nicht so schwierig, aber ich kanns jetzt, Danke fürs Abgeben, Viktor!
5. Audioslideshows erstellen (archivieren ist dagegen schwieriger)
6. Zierkürbissuppe kochen – nicht zu empfehlen, schmeckt nicht, riecht aber gut.
7. Auf Spanisch für Facebook schlechte Gedichtzusammenfassungen schreiben (Danke, Festival de Poesia Rosario, Argentina)
8. Shoppingberaterin sein (war wirklich nie meine Lieblingsbeschäftigung, aber führte zu großen Erfolgen bei Mutti, Sista und Freundinnen)
9. Bloggen mit Technik (iphone und Flip, thanks to European Journalism Centre), da ist auch noch mehr drin…, oder, Andreas?
10. drei Tocotronic-Songs auf Gitarre (Steigerung zu 2008: 200%). Noch besser war eigentlich die spontane nächtliche Folk-Stunde mit Bruce-Springsteen-Klassikern im Trio mit Schneider & Oberländer, was aber so unwiederholbar ist, so einmalig, dass ich es eigentlich nicht als Praxis-Erfahrung aufführen kann; stattdessen vielleicht das Kammermusizieren mit den Herren Kallmeyer, Darius und Jochen).

Natürlich war die praktischste Entscheidung in diesem Jahr, diese Blogmacherei zu gründen. Ich wünsche ihr daher ein gutes nächstes Jahr und freue mich auf alle Kooperationen, Herausforderungen und Partnerschaften! Wer für 2010 passende Motti-Vorschläge hat, darf sie mir gerne zukommen lassen. Ich denke, es wird Das Jahr der Bewegung. Mehr Sport ist die Devise. Mehr Sport in der Natur. Sozusagen das zweite praktische Jahr. Kommt alle gut rein! Glück auf!

Vom Himmel her, ihr Englein kommt

Happy Sailor Musical Angel

Besinnlichkeit mit Bewegung: Merry Christmas-Wellenreiten auf dem norddeuschen Karussellklassiker Happy Sailor, Weihnachtsmarkt Bremen.

Ich wünsche allen Blogmacherei-Lesern, -Mitmachern und -Unterstützern, allen Bloggerinnen und Bloggern, allen Engeln und Geigen, allen Weltmeeren und Matrosen, allen, die unterwegs sind, und allen, die ankommen, ein wunderschönes Fest.

o tannenbaum

es ist die ungedruckte tradition dieser familie, den festlichen baum
erst spät zu kaufen. wir fahren zum st. joseph (stift) und nehmen uns
der krummsten fichte an. feilschen und handeln um jeden zweig vom müllberg,
unverpackt aufs autodach verpflanzen, festgezurrt mit gummistrapsen.
zu hause hackt der vater den fuß ab, die mutter kehrt die nadeln weg.
die kinder flüstern beim schmücken witze, weil die krippe
immer auseinander fällt und die engel sich
zum fenster drehen. was sie dort ohne augen sehen?

Wer sich lieber mit Nordmanntannen als mit der Rettung von Fichten beschäftigt, dem sei Jakob Augsteins Text ans Herz gelegt. Er spricht sich eher gegen den Tannenkauf aus – aber warum sein Blatt, der Freitag, dann eine Tanne als Aboprämie anbietet, entzieht sich leider meiner Logik.