Archiv für die Kategorie „Literatur“

grüne punkte

Mittwoch, 13. Januar 2010

ich war eine dose, sagte der politisch korrekte computer.
festplatten und semantik wurden recyclet. die elektrifizierung
war unsere millenniumsmutter, ach du liebes metall
mit softem kern. und als von tausend jahren
alle vergangen waren
, gruben archäologengruppen
nach relikten des religiösen jahrzehnts,
von dem sie erzählten:
diese kultur klappte stündlich auf und zusammen,
sie huldigte dem blankolicht.
saß gekrümmt vor einzelnen schreinen.
die wärmten den schoß. und dann
kamen das aufgebot und die inneren hymnen,
die flimmernden viren und pornofallen.
so dass nur noch an ein überleben zu denken war
als mönch. auf freiem
feld.

Mein erstes Gedicht mit Hyperlinks, also das erste Hyperlink-Gedicht. Eine neue Art des close readings. Denn das Lesen nimmt ja mit dem Internet nicht ab, eher zu, es verändert sich. Mehr dazu in den nächsten Tagen.

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Horse Montage

Freitag, 8. Januar 2010

Die Technik des “Neu-Kopierens” kannte ich bisher noch nicht, ich bin begeistert: Alexander Gumz erklärt auf dem von Nokia gesponsorten Blog “Sounds like me” das Phänomen der Literal Videos: Die Clips werden wörtlich genommen, die Absurdität mancher Einstellungen und Regieeinfälle ist nicht mehr nur visuelle Staffage der Musik, sondern geriert zur Hauptaussage. So wird aus “Penny Lane” “Horse Montage”. Genial.

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o tannenbaum

Donnerstag, 24. Dezember 2009

es ist die ungedruckte tradition dieser familie, den festlichen baum
erst spät zu kaufen. wir fahren zum st. joseph (stift) und nehmen uns
der krummsten fichte an. feilschen und handeln um jeden zweig vom müllberg,
unverpackt aufs autodach verpflanzen, festgezurrt mit gummistrapsen.
zu hause hackt der vater den fuß ab, die mutter kehrt die nadeln weg.
die kinder flüstern beim schmücken witze, weil die krippe
immer auseinander fällt und die engel sich
zum fenster drehen. was sie dort ohne augen sehen?

Wer sich lieber mit Nordmanntannen als mit der Rettung von Fichten beschäftigt, dem sei Jakob Augsteins Text ans Herz gelegt. Er spricht sich eher gegen den Tannenkauf aus – aber warum sein Blatt, der Freitag, dann eine Tanne als Aboprämie anbietet, entzieht sich leider meiner Logik.

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Das Persönliche

Freitag, 4. Dezember 2009

Schreib, schreib …
Schreib von der Unsterblichkeit der Seele,
vom Liebesleben der Nordsee-Makrele;
schreib von der neuen Hauszinssteuer,
vom letzten großen Schadenfeuer;
gib dir Mühe, arbeite alles gut aus,
schreib von dem alten Fuggerhaus;
von der Differenz zwischen Mann und Weib …
Schreib … schreib …

Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm:
kein Aas kümmert sich darum.

Aber:
schreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch – die brauchst du gar nicht zu feilen.
Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.
“Wie ist das mit Fräulein Meier gewesen?”
Das haben dann alle Leute gelesen.
“Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?”
Das lesen Portiers, und das lesen Grafen.
“Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder?
Das schreib – und dein Ruhm hallt durch Felder und Wälder.

Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen
keinen Menschen.
Dieweil, lieber Freund, zu jeder Frist
die Hauptsache das Persönliche ist.

Kurt Tucholsky (1890-1935), erschienen unter dem Pseudonym Theobald Tiger in Die Weltbühne, 23.06.1931, Nr. 25, S. 928. Via lyrikmail.

(Kurt Tucholsky wäre bestimmt auch ein guter Blogger gewesen. Und er hätte Fräulein Meier einfach ein eigenes persönliches Blog gebastelt. Er selbst wäre als reimender Onliner in die Annalen eingegangen. Ja, wo sind sie denn, die reimenden Blogger?)

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Auf ein Wort

Sonntag, 8. November 2009

Manchmal reichen wenige Worte aus, um Geschichte zu schreiben: “Wir sind das Volk”, riefen im Herbst 1989 die Demonstranten in Leipzig und andernorts. Sie riefen: “Die Mauer muss weg.” Vier Wörter. Damit schlägt das revolutionäre Fußvolk in der Kategorie “very short story” die “Six-Word-Memoirs“, ein Blog des US-amerikanischen Smith Magazines. Aber natürlich lässt sich aus dem 20-jährigen Jubiläum auch eine Sechs-Wörter-Geschichte stricken:

Die Mauer ist weg. Was noch? / 1990 hat man sich Trabis geschenkt./ Was machst du am 9. November?

Ergänzungen erwünscht! Andere kurze und kurzweilige Mauernachrichten finden sich auf der Berlin Twitter Wall, die kurzfristig von chinesischen Twitterern benutzt wurde, um auf Zensur in ihrem Land aufmerksam zu machen – so dass China die Seite sperrte und Reporter ohne Grenzen protestierte. Aber nicht nur um das Internet werden Mauern gebaut. Der Exberliner, Sprachrohr der in Berlin lebenden englisch-sprachigen Expats, will gar mit einem Festival vom 13. bis 15. November im Stattbad Wedding ganz Berlin vor schlechter Architektur und menschenunfreundlicher Stadtplanung retten und Berlin als kreativen Ort feiern: Save Berlin, fordern sie. Sie bieten “Extrem-Basteln“, ein Bankett mit “home-made food”, einen Souk-Basar, wo sich Berliner Kleindesigner und Vintage-Verkäufer vorstellen, Konzerte, Filme, Gespräche, und vor allem eine Kunstausstellung. Das Slab Mag – das “heuristic magazine for gonzo blurbanism” – will bei der Podiumsdiskussion mit dem Aufruf “Serve Berlin” kontern, so jedenfalls kündigt es einer der Slab-Herausgeber, Ian Warner an.

Auch mit zwei Wörtern kann man in Berlin viel sagen.

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Jump on the love train

Dienstag, 13. Oktober 2009
20_lovetraintiny_420

Da kommt der Love Train! Illustration: Anne Vagt

Schickte Cat Stevens noch einen “Peace Train” (hier ein Video von 1976) durch die Welt, auf den alle Menschen aufspringen und dann ganz glücklich sein sollten, setze ich eher auf den “Love Train” der Hamburger Zeichnerin Anne Vagt. Auf den kann man jetzt aufspringen: In meinem neuen Lyrikband die do-re-mi-maschine, der dieser Tage in der Lyrikedition2000 erschienen ist, geht es nämlich auch um Liebe in Zeiten von Beschleunigung. Und natürlich um Liedhaftes. Also da ein Reim und dort ein Reim.

Vorstellen werde ich den Band am 21. Oktober in der Lettrétage, einer Gründerzeitvilla in Berlin-Kreuzberg, Methfesselstr. 23-25, 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro. Für die ersten zwei, die sich im Kommentarfeld unten melden, gibts einen Platz auf der Gästeliste. Als Kostprobe ein Preview-Hippiegedicht und ein Preview-Anti-Google-Earth-Gedicht. (weiterlesen…)

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