Miniblog: Poets survivals with banker jobs - see T.S. Eliot and Ezra Pound. zum Twitter

El mecanismo de estar acá

tapa anthologie flyer

Wir glauben, dass Worten Taten folgen müssen.
Wir glauben an literarischen Aktivismus.

Es gibt Leute, die gehen rückwärts mit Sonnenbrille, andere fliegen vorwärts ohne Reservierung im Langstreckenflugzeug. Es gibt Flaneure, Verkleidete, Angeber, Bescheidene, Individualisten und Kollektivisten. Sie verbrauchen keine Erd-Ressourcen, um ihre Perspektiven zu verschieben, sondern tragen ein kleines Kraftwerk in sich, ein poetisches Licht, das auf andere abfärbt. Es sind Leute, die bewegen können, ohne sich selbst zu viel zu bewegen. Die Orte, an denen man sie findet, sind Bars, die länger als 23 Uhr geöffnet sind, Cafés mit Bühne und Klavier, Kneipen mit gutem und billigem Bier, in denen man rauchen kann, leerstehende Häuser, Privatwohnungen, kleine Büros oder digitale Räume im Netz. Diese Leute besetzen eine Lücke, damit das Leere sich füllt. Mit Gedichten, Liedern, Performances, Kurzgeschichten, mit Nachdenken, Austausch und Unterhaltung. Bühnen, Lesetische, Zeitschriften sind die Institutionen ihrer freischwebenden Nation. Auf ihrem Pass steht: Literarischer Aktivist. Im Einsatz für Ästhetik, Explosionen, Befreiung des Gefühls und Stärkung des Selbst. Ihre Profession: Lyrikerin oder Lyriker.

Am Mittwoch, den 19. Oktober um 20 Uhr stellen Los Superdemokraticos in der Kulturspelunke Rumbalotte continua (Metzer Str. 9) die Lyrik-Anthologie “El mecanismo de estar acá” vor. Sie erscheint bei Milena Berlín. Eintritt frei.

In der Anthologie sind Gedichte von 11 literarischen Aktivistinnen und Aktivisten in Berlin versammelt. Die meisten von ihnen sind nicht nur Organisatoren für den guten literarischen Zweck, sondern auch veröffentlichte Dichterinnen und Dichter. Die Übersetzungen ins Spanische stammen von Rery Maldonado. Das Buch ist das Gastgeschenk von Los Superdemokraticos auf unserem Trip Latino im November und Dezember nach Venezuela, Kolumbien, Bolivien und Mexiko.

Mit Texten von Adrijana Bohocki, Alexander Gumz, Annina Luzie Schmid, Bert Papenfuß, Clemens Kuhnert, Daniela Seel, Deniz Utlu, Isabella Vogel, Kristoffer Patrick Cornils, Rainer Stolz und Tom Bresemann. Spezialgast: Rocío Ceron (Mexiko D. F.).

Cultural Leadership International

Ich wurde für das Programm Cultural Leadership International des British Council ausgewählt! Zusammen mit 46 anderen Kulturmachern aus Zentralasien, Ost- und Mittel-Europa und dem Nahen Osten, werde ich ein Jahr gefördert, Dinge zu lernen, die ich gerne lernen möchte und fahre zur Biennale nach Istanbul, um alle zu treffen. Ich habe vor, mehr über digitales Publizieren zu erfahren, über die Möglichkeiten, Kultur über und mit dem Netz zu machen, insbesondere, welche Erfahrungen die anderen Stipendiaten aus ihren Ländern zu diesem Thema mitbringen.

Sind Juristen die neuen Kritiker,

die entscheiden, was hinreichend fiktionalisiert ist? Fragte ich mich anhand der Zunahme von Klagen gegen Verlage bezüglich der Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Aktueller Fall: Weil “eine Person” ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah, wird der Roman “Das Da-Da-Da-Sein” von Maik Brüggemeyer, Rolling-Stone-Redakteur, das eigentlich jüngst im Aufbau Verlag erscheinen sollte, jetzt nochmal überarbeitet. Natürlich vom Autor selbst, aber sicherlich auch mit juristischer Beratung im Hintergrund. Zum Glück bleibt er optimistisch und zukunftsgerichtet. Ein schlaues Zitat aus unserem Gespräch, das ich nicht in dem Tagesspiegel-Artikel verwendet habe, passt viel besser hierher, aufs Blog

Vielleicht hat man mit Ebooks bald die Chance, mehr mit dem Persönlichkeitsrecht zu spielen. Ohne den Druck ist es einfacher und billiger, etwas zu ändern.

Hot Jazz

Ich lernte die Old Fish Jazz Band eher zufällig kennen, als ich vor zwei Jahren mit René Hamann in der Hubertuslounge auf ein Bier saß und sie dann natürlich furios jedes Gespräch beendeten und dafür aber viele Unterschenkel zu zucken begannen. Die mehrköpfige Gruppe spielt noch immer, vor allem in Kreuzberg und Neukölln, auch mit anderen zusammen, die Szene ist groß, verbreitet gute Launen und gute alte Musik. Mein Porträt der Musiker samt vieler Konzerttermine im Juli las sich so im Tagesspiegel. Sehe gerade, dass die Termine online fehlen, daher hier nochmal als kleiner Service:

22. Juli, Les Haferflocken Swingers (zusammen mit Old Fish), Bassy Club, Schönhauser Allee 176
23. Juli, Les Haferflocken Swingers (zusammen mit Old Fish), Yorckschlösschen, Yorckstraße 15
25. Juli, Jessy Carolina & The Hot Mess, Bassy Club
27. Juli, Feral Foster, 21.30 Uhr, Soul Cat
30. Juli, Jessy Carolina & The Hot Mess, Soul Cat

wiederholung ist die mutter des augenblicks

die zeit ist vorbei, in der ich ein
vorortsgebiet aus autohäusern war.
nun gedeiht mein innerer bauernhof,
auf dem herrenlose, glückliche tiere leben. nachts
streunt ein fuchs über meine wimpern, schüchtern,
bis die sonne aufgeht, diese alte, kalte bekannte,
die mich nie verraten würde. wir singen zusammen:
dibidibi dib. dibidibidib. die wiederholung
ist die mutter des augenblicks.

Dritte Generation

Überschlugen sich zwanzig Jahre nach Mauerfall die Gedenkfeiern zu 1989 macht nun eine jüngere Generation auf sich aufmerksam, die die “Wende” als Chance begreifen will: diejenige, die in der DDR geboren wurde, aber in der BRD aufwuchs; die ein Land verlor, als ein neues zu ihnen kam; die nicht mehr schweigen will, wenn sie gefragt wird, wo sie herkommt. Um sich über diese Transformationserfahrungen auszutauschen, haben unter anderem Adriana Lettrari, Stephanie Maiwald und Johannes Staemmler eine Konferenz organisiert “Dritte Generation Ostdeutschlands”, hier das Blog dazu. Ich sprach mit ihnen über ihre Haltungen, Wünsche, Forderungen für den Tagesspiegel. Im nächsten Jahr soll es übrigens die Folgeveranstaltung geben: Wessis tauschen sich über ihre Wendeerfahrungen aus.

Simplest thing

Ich habe mich im überdachten Innenhof neben einem zwanghaft plätschernden Indoor-Brunnen eines Riesenhotels in Neukölln mit dem indonesischen Objekttheatermacher PMtoh, mit richtigem Namen: Agus Nur Amal, getroffen, der im Rahmen des ersten Jakarta-Berlin Art-Festival auftritt. Während sich um uns herum immer mehr wallende Roben versammelten (zwei Abibälle), wurde sein Kaffee kalt und er zeigte mir mit Löffeln, wie er mit Gegenständen spricht. Dass ein Objekt zu einem anderen wird, nennt er “imaginative transformation”. Er steht in der Tradition des Geschichtenerzählers, Dalang, hat die Rolle aber modernisiert und stark vereinfacht. Er verzichtet auf die rituellen Elemente und kommt mit wenigen Mitteln aus: Objekte seiner Umgebung und seine Stimme. Mein Porträt über ihn erschien im Tagesspiegel. Ein interessantes Blog des US-Amerikaners Matthew Cohen, der sieben Jahre in Indonesien gelebt hat und nun Puppenspiel am Center for Creative Collaboration, London, unterrichtet, enthält viel Hintergrundmaterial zu diesen interkulturellen Theaterformen des Erzählens. PMtoh erzählt allerdings keine mythologischen Geschichten, sondern aktuelle, wie etwa den Anschlag auf das World Trade Center, festgehalten im Film “youtube http://www.youtube.com/watch?v=rynl1obWSXo” target=”_blank”>Promised Paradise“. Er will sehen, wie sich Communities zu Ereignissen verhalten.

Kollektive Sommerlesungen

We have Lesungen!

Am Samstag, 18. Juni lese ich im Rahmen des Poesiefestivals Berlin bei Poets’ Corner im Wagendorf Lohmühle, Treptow-Köpenick, von 11 bis 12 Uhr, mit Rery Maldonado, Stephan Reich, Alexander Gumz, Luise Boege, Konstantin Ames und Julia Trompeter. Dazu gibts Improjazz und Sonne und Wagendorfatmosphäre und Samstagvormittaggefühle. Organisiert von: Philip Maroldt.

Ebenso als Teilprogramm des Poesiefestivals, aber auch innerhalb des Kiez-Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln, legt am Sonntag, 19. Juni um 16 Uhr die “Spreeprinzessin” mit den Dichtern des chilenischen Literaturkollektivs Casa Grande und mit Vertretern von Los Superdemokraticos am Anleger Wildenbruchbrücke, Berlin-Neukölln, ab. Es lesen auf diesem deutsch-spanischen Schiff Sabine Scho, Rery Maldonado, Julio Carrasco, Cristobal Bianchi und ich. Schaukelt mit! Organisiert von: lauter niemand.

Schlussendlich ein kleines Highlight. Das Melt!-Festival hat in diesem Jahr ein Literaturprogramm, in welchem Los Superdemokraticos sich vorstellen. Wer dort in der Ferropolis bei Dessau sein sollte, kann geschriene, gelesene, skandierte Passagen aus unserem Buch, der superdemokratischen Anthologie mit 20 Seiten literarisch-politischem Glossar am Freitag, 15. Juli, um 19 Uhr hören. Der Verbrecher Verlag hat eine Textprobe, unsere kollektiv-verfasste Einleitung, online gestellt. Wer sich für kollektives Schreiben interessiert, kann übrigens die Leseliste des Seminars von Daniel Kehlmann und Adam Thirlwell zur “strategischen Vermessung künstlerischer Kollektive” auf der FU-Seite einsehen (via Litaffin).

Monotasking

Ich wollte heute nochmal auf den Kulturpolitischen Bundeskongress gehen, der sich jedes Jahr serielle Titel gibt: ” X Macht Kultur”. Aber dann hab ich nur ein bisschen Twitter gelesen, weil ich so müde war.

2011 also ein Netz für ein X. Und ein Wlan im Konferenzraum, das nur hinter vorgehaltener Hand von den Hildesheim-Studierenden-Twitterern verraten wurde, die sich im Foyer um die Twitterwand in eine Art Steh-Halbkreis gebaut hatten und von dort aus die Twitter-Kommandozentrale bildeten. Der Hashtag war #kupoge, das Passwort weitaus sprechender für den katholischen Konferenzort. Es hieß: OMariaHilf!, mit Ausrufezeichen, ja, aber es hat trotzdem nicht funktioniert, lieber Gottvater, weil ich alles in Versalien schrieb. Die Tücken stecken im Detail.

Ist es also so, dass kulturpolitische Menschen und Politiker allgemein deshalb eher netz-fern sind, weil sie so oft vom Netz abgeschnitten sind, auch ungewollt? Man erfährt beim Podiumsgespräch einiger Mitglieder der Enquete-Kommission für die digitale Gesellschaft, dass im Plenarsaal des Bundestags Computer verboten sind, neulich hat jemand eine Rede vom ipad abgelesen, das war eine Revolution – und wohl auch Schleichwerbung. Man erfährt widerum, dass Oliver Scheytt, Prof. für Kulturpolitik in Hamburg, eine halbe Stunde pro Woche online ist, das twittert Arne Busse (@amprekord). Mir blieben nach dem ersten Tag mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen einige Worte im Ohr, wie die wunderschön altmodisch klingenden “Digitalisate”, von denen Kulturstaatsminister Bernd Neumann spricht. So stellt er sich also die Digitalisierung von Kultur vor: Abbildungen im Netz, Faksimiles von Büchern, Derivate, Kondensate, Europeanasate; kein Wort darüber, dass man vielleicht “andere Inhalte” braucht. Die Kosten für diese Re-Abbildungen können dann auch gerne Unternehmen tragen, wie etwa die Bayerische Staatsbibliothek, die nun mit Google zusammenarbeit, erläutert Neumann.

Die zwei großen Fragen, die sich bei mir weitertragen, sind:

  • die Aufmerksamkeitskrankheiten, die das Netz mit sich bringt, und die einen völlig anderen Umgang mit Kunst bedingen. Statt Versenkung vor einem Werk auf einem Altar in einem Kunstpalast gibts die Versendung, den Remix, das Sample des produsers. Statt des “Kunstspiels” (Gerhard Schulze), in welchem die Bildungsbürger sich in Gesprächen über Kultur ihres eigenen distinguierten Status’ versichern, gibts Game Art, Bastard Pop oder “culture of insignificance” für alle Nischen. Statt ästhetischer Urteile äußert man Erlebnis- und Gefühlsurteile (“Das ist super”, “Gefällt mir”.) Und das lässt sich als eine Rekompensation des digital Abwesenden verstehen: “Das Virtuelle drängt zum Physischen hin”, erkennt Gerhard Schulze: Beispiele sind die “Arabellion” in Nordafrika, Partnersuchportale und der Boom von Live-Konzerten. Problematisch wird es dann, wenn die Erlebnisse – im und außerhalb des Netzes -  uns überrollen. Wie schaffen wir es, nicht unterzugehen? Welche Techniken brauchen wir? Die Autorin Kathrin Passig dazu: “Monotasking ist die Fähigkeit der Vergangenheit, unkontrolliertes Schwimmen im Informationsstrom als Fähigkeit der Zukunft.” Ich bin mir nicht sicher, ob unkontrolliertes Schwimmen so gut tut, eher freies Schwimmen mit Freischwimmer im unkontrollierten Badesee. Jemand, der in Deutschland einen Swimmingpool mit einer Wassertiefe ab 1,60 Meter plant, braucht einen Bademeister. Mehr Freiheit, mehr Tiefe, weniger Bademeister. Umso mehr freut es mich, dass die Verfasser des Slow Media Manifest ein Slow Media Institut planen, toitoitoi!
  • dass die Reform des Urheberrechts dringend nötig ist. Denn nicht nur Künstler der digitalen Kunst begehen ständig “performative Urheberrechtsverletzungen” (Inke Arns), auch Nicht-Künstler verletzen ständig das Urheberrecht. Denn eigentlich ist jedes Verlinken eines Youtube-Videos eine Art rechtswidriger Nutzung fremder Gedanken. Und da wir das heutzutage alle machen (Wiederholen ist ein wichtiges Element heutiger Kulturtechnik, belehrte uns Mercedes Bunz), hat sich das Urheberrecht von einem Recht für Profis zu einem Recht mit übergreifender gesellschaftlicher Relevanz verändert (Jurist Till Kreutzer). Die Vorschläge reichen von einem fair-use-Modell wie in den USA, das transformierende Nutzung fremden geistigen Eigentums erlaubt, zu einem Leistungsschutzrecht, das immer den Urheber im Blick hat und sich nur auf gewerbliche Nutzung bezieht (Neumann), zu einem partizipativen, freiheitlichen Verständnis im Sinne des Informationsfreiheitsgesetzes (Thomas Krüger), wo alle Inhalte, insbesondere die über Steuergelder finanzierten wie die des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, allen zugänglich gemacht werden. In der Realität sieht es so aus, dass täglich vier Millionen Nutzer sich auf Plattformen wie der gerade als illegal gesperrten Video-on-Demand-Webseite kino.to Filme und Serien angeschaut haben und dass die meisten Urheberrechte bei großen Verlagen und Konzernen liegen. Wer schützt also heute den “produser”, den Produzenten und Konsumenten von Netz-Inhalt? Geht es nicht eigentlich eher um Datenschutz und Informationsfreiheit, die uns etwas kosten sollte? Schlussendlich und produktiv als Idee, weil eher einzelnen Nutzer ausgehen, sei noch die Kulturwertmarke genannt, die der Chaos Computer Club ausgearbeitet hat. Jeder Internetnutzer zahlt etwas mehr für seinen Zugang und erhält damit eine digitale Währung, die er Urhebern, die er schätzt, zukommen lassen kann.

Ich bin gespannt, wie sich Deutschlands (offizielle, Geld vergebende) Kulturwelt weiter mit dem Netz anfreundet. Wahrscheinlich ist das Netz schneller als die Institutionen, und wir haben dann einfach neue Institutionen. Press Esc. Wer über die digitale Gesellschaft der Zukunft mitbestimmen will, kann es zum Glück tun, denn die Enquete-Kommission hat eine Mitmach-Seite, die das Netzvolk zum 18. Sachverständigen ausruft.

PS. Twitterern, denen es sich zu folgen lohnt: @meta_blum, @weiszklee, @amprekord

Eintauchen

Das Theatertreffen 2011 startete mit viel Wasser. Die siebenköpfige Blog-Redaktion startete mit neuen Formaten, darunter die “Guttenberg-Kritik” oder “Seitenrang links“. Noch zwei Wochen ab heute für weitere kulturjournalistische Experimente. Exklusiv-Vorschau: aktuelle Reaktion auf den Fragebogenzensus, der am 9. Mai startet, und ein Interview mit einem Pferd. Wer mich sucht, der mich dort findet, bis 24. Mai tauche ich ab…

Link zum Theatertreffen-Blog 2011.